veröffentlich Mai 2026 in Blickpunkt.e

Der jüdisch-deutsche Dichter Harry Heine, bekannter unter seinem Taufnamen Heinrich, dessen Todestag sich am 17. Februar zum 170. Mal jährte, lebte 200 Jahre vor der Staatsgründung Israels. Könnte er dennoch etwas zur dramatischen Entwicklung des Staates Israel zu sagen haben?

Heine war ein Kenner jüdische Geschichte. Prosa und Lyrik spiegeln seine Kenntnis jüdischer Leidens- und Verfolgungsgeschichte. Er kannte sich auch im vielverzweigten, vielschichtigen zeitgenössischen Judentum aus. Er lernte das Ghettojudentum kennen, die reiche jüdische Finanzwelt, den armen Schnorrer. Ein Judentum, das in religiösen Ansichten über Jahrhunderte eher von relativer Homogenität als von Diversität geprägt war, nahm zu Heines Zeit verschiedene Färbungen an, in der die einen an gewohnter Tradition festhielten, die anderen sich um Reform oder Assimilation bemühten. Die Annahme der Taufe war keine Seltenheit.

Mit der Taufe, von vielen gewählt, um in der Gesellschaft „anzukommen“ – Heine nannte sie das Entrébillet -, verlor der Getaufte in den Augen des etablierten Judentums seine Zugehörigkeit. Heine blieb jedoch zeitlebens der jüdischen Religion verbunden, wenn er auch die institutionalisierte Religion sowohl des Judentums als auch des Christentums ablehnte. Als junger Mann berichtete er in einem Brief an seinen Jugendfreund Immanuel Wohlwill von einer Vision: „Dieser endliche Sturz des Chr[istentums] wird mir täglich einleuchtender.“[i] Gegen Ende seines Lebens scheint er mit dem Nachhall dieser Vision über seine Taufe zu reflektieren: „Ich habe mich in die Festung geschlichen, um sie besser in die Luft zu sprengen. Aber ich zerstöre zugleich die Bastionen des Judenthums, damit sie sich beide auf dem Felde der Freiheit vereinigen.“[ii]

Es ist aufgrund der angesprochenen Biografie nicht verwunderlich, dass Heine als jüdischer Dichter nur sehr zögernd Aufnahme in Israel fand. Dass sie möglich wurde und allmählich anwuchs, ist vor allem deutschen Immigranten zu verdanken, die aus Nazi-Deutschland geflohen waren und ihre Liebe zu Heine mit ins Land brachten. Als im Dezember 2001 unter der Schirmherrschaft der Jerusalem Foundation eine viertätige Konferenz mit dem Titel „Heine in Jerusalem“ stattfand, sangen viele der älteren Teilnehmer mit sichtbarer Freude Heines „Frühlingslied“ mit, das von allen Teilnehmenden als Ständchen zu Heines 104. Geburtstag am 13. Dezember gesungen wurde. Eine ältere Dame erzählte, wie sie bei einer Razzia ein kleines geliebtes Heine-Bändchen aus Angst vor den Nazi-Schergen im Klosettbecken verschwinden ließ.

Neben den geladenen prominenten Gästen aus Wissenschaft und Kultur, vereinzelten deutschen Festgästen füllten viele Israelis den großen Konferenzsaal der Konrad-Adenauer-Stiftung. Palästinenser? Hatte man an Einladungen auch an Palästinenser, aus dem Ostteil der Stadt, aus den besetzten Gebieten gedacht? Es wäre eine gute Gelegenheit gewesen, auf ihre Unterdrückung hinzuweisen und dem Ausdruck zu verleihen, wofür Heine zeitlebens einstand: Freiheit und Gerechtigkeit. Eine Vorreiterrolle für Freiheit und Menschenrechte wird ihm von der Heine-Forschung bescheinigt. Zahlreiche Schriften enthalten Aussagen zu den Freiheitsbestrebungen seiner Zeit - mit Schwerpunkt Amerika und Frankreich, aber es gingt ihm um die gesamte Menschheit, wie er in einem Zitat seiner Börne-Denkschrift zu erkennen gibt, in dem er in seiner gewohnt spöttischen Weise zugleich die partikularistische Strömung im Judentum anprangert: „O verzage nicht, schöner Messias, der du nicht bloß Israel erlösen willst, wie die abergläubischen Juden sich einbilden, sondern die gesamte leidende Menschheit.“[iii]

Ein prominenter Teilnehmer der Geburtstagsfeier, Stefan Heym, wies auf die Bedeutung Heines in unserer Zeit hin: „Was er sich seinerzeit überlegt hat, das ist von unerhörter Aktualität besonders jetzt.“[iv] Die Unterdrückung der Palästinenser erwähnt er nicht. Auch Ehud Olmert nicht, der als Regierungschef zur Einweihung der Heinrich-Heine-straße in Jerusalem im Rahmen der Festtage eingeladen war. Über zwanzig Jahre später, lange nach seiner eigenen von Gewalt geprägten Regierungszeit, wendet er sich gegen Unterdrückung und Vertreibung der Palästinenser. Der israelischen Regierung wirft er Kriegsverbrechen vor: „Was wir heute in Gaza tun, ist ein Krieg der Zerstörung: unterschiedsloses, grenzenloses, grausames und kriminelles Töten von Zivilisten. […] einige von [Netanyahus] Lakeien sagen es sogar, ganz öffentlich, sogar mit Stolz: Ja, wir werden Gaza aushungern. Weil alle Leute in Gaza Hamas sind, gibt es keine moralische oder operative Begrenzung bei der Auslöschung aller - über zwei Millionen Menschen.“[v]

Auf einer Konferenz in Berlin am 6. November 25 berichtet Olmert bewegt: Was den Palästinensern in den Gebieten tagtäglich angetan wird, sind Verbrechen der schlimmsten Sorte. Als Israeli und Jude bin ich darüber beschämt. Und es wird nicht nur von einer Handvoll Jugendlicher getan, wie Netanyahu vorgibt, es wird von Tausenden begangen und unterstützt von Zehntausenden. Tagtäglich fackeln sie ihre Olivenhaine ab, tagtäglich verbrennen sie ihre Besitztümer, tagtäglich dringen sie in ihre Häuser ein, tagtäglich werden sie bedroht und manchmal auch getötet - unschuldige Menschen, die nichts mit Terror zu tun haben. Und wenn dann die Polizei kommt, werden die Palästinenser verhaftet, nicht die Täter – das alles ist ekelhaft, unausstehlich, unverzeihlich.“[vi]

Seit 2023 sind 45 palästinensische Dörfer im Westjordanland gewaltsam entvölkert worden. Zerstörung und Vertreibung gehen weiter. Die Mehrheit der jüdischen Israelis berührt das nicht. Sie sind entweder ignorant – Medien berichten großenteils regierungskonform – oder sie sind mit eigenen Sorgen beschäftigt, psychisch stark beeinträchtigt (besonders nach dem 7. Oktober), unsicher oder verängstigt.

„Wie schlecht geschützt ist Israel, sagt der Rabbi von Bacherach in Heines gleichnamigem Romanfragment. „Falsche Freunde hüten seine Tore von außen, und drinnen sind seine Hüter Narrheit und Furcht!“[vii] Falsche Freunde unterstützen mit Wort und Tat eine faschistische Regierung, die Vertreibung und Vernichtung der palästinensischen Bevölkerung vorantreibt. Falsche Freunde lassen sich von Lobbyisten einladen und an genehme Orte führen, die Verbrechen an der Menschlichkeit andernorts nicht sichtbar werden lassen. Falsche Freunde liefern todbringende Waffen. Falsche Freunde bekunden einer faschistischen Regierung, dass sie an ihrer Seite stehen.

Eine weitere auf die heutige Zeit übertragbare Sicht aus Heines Texten findet sich in der dritten Strophe des Gedichts „An Edom“, das Heine 1824 an seinen Freund Moses Moser schickte. Edom galt in talmudischer Zeit als Synonym für Rom und römische Unterdrückung, in jüngerer Zeit steht Edom für das abendländische Christentum. Die drei Strophen des Gedichts markieren das Wechselverhältnis zweitausendjähriger jüdisch-christlicher Spannungsgeschichte:

An Edom

Ein Jahrtausend schon und länger,
Dulden wir uns brüderlich,
Du, du duldest, daß ich atme,
Daß du rasest, dulde Ich.
 
Manchmal nur, in dunkeln Zeiten,
Ward dir wunderlich zu Mut,
Und die liebefrommen Tätzchen
Färbtest du mit meinem Blut!
 
Jetzt wird unsre Freundschaft fester,
Und noch täglich nimmt sie zu;
Denn ich selbst begann zu rasen,
Und ich werde fast wie Du.

 

Der bekannte israelische Friedensaktivist Uri Avnery schrieb über dieses Gedicht in einem seiner wöchentlichen Rundbriefe: „Der Zionismus, der etwa 50 Jahre, nachdem das Gedicht geschrieben wurde, entstanden ist, hat diese Prophezeiung voll erfüllt. Wir Israelis sind wie alle anderen Nationen geworden, und die Erinnerung an den Holocaust bringt uns von Zeit zu Zeit dazu, uns wie die Schlimmsten unter ihnen zu verhalten.“ Avnery spricht von einer „tödlichen Doktrin“, die oft bei öffentlichen Diskursen auftauche: „um unsere Feinde abzuschrecken, müssen wir uns wie Wahnsinnige benehmen, müssen gnadenlos töten und zerstören.“[viii] Avnery spricht in seinem Text ein Ausmaß von Gefühllosigkeit und moralischen Wahnsinns an, von dem er meint, „Selbst Heinrich Heine hätte sich dies nicht vorstellen können.“

Avnery verfasste seinen Text um die Zeit des Gazakriegs von 2008/9, dem noch vier weitere mit gesteigerter Brutalität folgen sollten. Den katastrophalsten aller israelischen Kriege, der nach dem fürchterlich wütenden Angriff des gewalttätigen Flügels der Hamas und anderer Milizen am 7. Oktober 23 begann, hat er nicht mehr miterlebt. 

Die Vision Heines gibt aber auch Hoffnung auf eine Wende. „Ich werde fast wie du“ kann auch besagen, dass die Entwicklung zu stoppen ist. Hoffnung geben die vielen israelisch-palästinensischen Nichtorganisationen und Gruppen, die sich um ein friedliches Zusammenleben von Israelis und Palästinensern bemühen. Mit den Namen „Combatants for Peace“, „Parents Circle/Families Forum“, „Standing Together“, „Rabbis for Human Rights“, „Torat Zedek“, „The Faithful Left“, „Taayush“, „Zazim“, „New Israel Fund“, Women Wage Peace“, seien nur einige genannt. Auch die positive Entwicklung des Friedensdorfes Neve Schalom/ Wahat Al-Salam sowie die Gründung einer neuen Partei „Kol Esracheiha“, ‚Alle seine Bürger‘, geben Anlass zur Hoffnung.

Echte Freunde Israels unterstützen friedensfördernde Kräfte in Israel/ Palästina. Echte Freunde suchen den Dialog. Echte Freunde helfen, Traumata zu lindern. Echte Freunde sind mutig und verstecken sich nicht aus Angst vor möglichen Anfeindungen. In Heine, dessen Prosa die politischen und sozialen Verhältnisse aufgriff, der doppelte Moral und ein Bündnis von Thron und Altar anprangerte, hätten sie einen Unterstützer. Vielleicht feiern wir noch einmal einen Geburtstag Heines in Jerusalem. Mit jüdischen Israelis und Palästinensern.

 
[i] Gesamtausgabe( HSA) XX, 72 ()
[ii][ii] Michael Werner, Hg, Begegnungen mit Heine. Berichte der Zeitgenossen 1797-1848, 146.
[iii] Gesamtausgabe (DHA XI, 111.
[iv] Jüdische Zeitung 93, 2013,11.
[v] https://www.haaretz.com/opinion/2025-05-27/ty-article-opinion/.premium/enough-is-enough-israel-is-committing-war-crimes/00000197-0dd6-df85-a197-0ff64a5c0000
[vi] https://www.youtube.com/watch?v=-Y8UZ7VFm0s
[vii] https://www.projekt-gutenberg.org/heine/bachrach/bacher21.html
[viii] https://www.lebenshaus-alb.de/magazin/005481.html